“Barbara” – eine Filmkritik

 

Barbara – der Film ist noch 4 Tage in der Mediathek von Arte zu finden:

http://www.arte.tv/guide/de/044568-000-A/barbara

Auf Youtube ist auch eine Vollversion, aber in deutlich schlechterer Auflösung zu finden.

Die DDR, im Sommer 1980: Die Ost-Berliner Ärztin Barbara wurde nach Stellung eines Ausreiseantrags inhaftiert und anschließend von der Charité in ein Provinzkrankenhaus an der Ostseeküste strafversetzt. Dort arbeitet sie von nun an in der Kinderchirurgie, die unter Leitung des Arztes André Reiser steht. Reiser wird von dem Stasi-Offizier Klaus Schütz auf Barbara angesetzt.

Eigentlich kann man nur beschreiben was passiert, nicht warum, denn die Protagonisten sprechen nicht darüber.

Diese verhält sich misstrauisch und äußerst distanziert zu den Kollegen. Bereits an ihrem ersten Arbeitstag, als Reiser sie nach Hause fährt, ahnt Barbara, dass er auf sie angesetzt wurde. Er erkundigt sich nicht nach ihrem Werdegang und kennt ihre Adresse. Auch muss Barbara in der Folge von Schütz angeordnete Hausdurchsuchungen und Ganzkörperkontrollen über sich ergehen lassen.

Barbaras berufliche Fähigkeiten beeindrucken Reiser, als sie bei der jungen Ausreißerin Stella seine Diagnose infrage stellt und eine durch Zecken übertragene Meningitis diagnostiziert. Barbara kümmert sich aufopferungsvoll um Stella. Das Mädchen ist aus dem Jugendwerkhof Torgau geflohen und erwartet ein Kind. Stella wünscht sich, das Baby nach der Entbindung zu behalten und mit diesem in den Westen zu flüchten. Reiser wiederum gewinnt Barbaras Respekt, als er in einem selbsteingerichteten Labor im Krankenhaus ein Serum für die Patientin herstellt. Gleichzeitig ist er genau wie Barbara den schönen Künsten zugetan und versucht, sie mit einer Eigeninterpretation des Gemäldes Die Anatomie des Dr. Tulp zu beeindrucken. Er weiht sie außerdem in den Grund seiner eigenen Versetzung in die Provinz ein: Eine junge Assistenzärztin, die unter Reisers Aufsicht stand, hatte zwei importierte Brutkästen falsch bedient, woraufhin zwei Säuglinge erblindeten. Der Vorfall wurde vertuscht, Reiser aber von Eberswalde in das Provinzkrankenhaus an der Ostsee strafversetzt. Die Stasi erwartet außerdem von Reiser, Berichte an Schütz zu liefern, nun über Barbara. Barbara bezweifelt die Geschichte und stellt Reiser eine Frage nach dem Typ der Inkubatoren, die dieser nicht beantwortet.

Parallel dazu bereitet ihr Geliebter Jörg heimlich von der BRD aus Barbaras Flucht in den Westen vor. Barbara erhält das Geld für die Flucht über die Ostsee. Sie trifft sich mit Jörg heimlich im Wald und im Rostocker Interhotel. Er macht ihr dabei den Vorschlag, selber in die DDR überzusiedeln, was Barbara aber strikt ablehnt. Ebenso gibt er ihr zu verstehen, dass sie nach der erfolgreichen Flucht ihre berufliche Karriere aufgeben könne, da er genug für sie beide verdiene.

Neuer Patient der Klinik ist unterdessen der Jugendliche Mario, der sich aus Liebeskummer aus dem Fenster gestürzt hat. Obwohl erste Tests positiv ausfallen, fürchtet Reiser, den Jungen am offenen Gehirn operieren zu müssen. Der Verdacht bestätigt sich, als Marios Freundin Angie von dessen plötzlicher Gefühlskälte berichtet.

An dem Wochenende, an dem Barbara ihre Flucht über die Ostsee nach Dänemark plant, überschlagen sich die Ereignisse. Reiser hat mit einem auswärtigen Spezialisten Marios Operation für Samstagabend vereinbart, Barbara soll die Anästhesie übernehmen. Am selben Tag wird sie vorher Zeugin davon, wie Reiser die schwerst krebskranke Ehefrau von Schütz heimlich mit Morphium versorgt. Als Reiser Barbara zu sich nach Hause zum Essen einlädt und ihr eine Ausgabe der Aufzeichnungen eines Jägers von Iwan Turgenjew schenkt, in der eine Geschichte über einen Kreisarzt enthalten ist, duzen sich beide erstmals. Barbara küsst Reiser und flüchtet daraufhin in ihre Wohnung. Dorthin gelangt die verletzte Stella, die erneut aus Torgau geflohen ist. Barbara bleibt der Operation von Mario fern, versorgt die geschwächte junge Frau notdürftig mit Schmerzmitteln und Koffein und fährt mit ihr zur vereinbarten Stelle an der Ostseeküste, um den Fluchthelfer zu treffen. Sie überlässt Stella ihren Platz in einem kleinen, von einem AquaScooter gezogenen Schlauchboot. Überraschend für Reiser – Schütz und er hatten in der Nacht Barbaras Wohnung verlassen vorgefunden – kehrt sie am Morgen ins Krankenhaus zurück, wo sie Reiser am Krankenbett des frisch operierten Mario antrifft.

Mit dieser Einstellung und einer Schwarzblende endet der Film.

( Inhaltsangabe  von Wikipedia mit Änderungen von mir.)

Soweit zur Handlung. Eigentlich kann man nur beschreiben was passiert, nicht warum, denn die Protagonisten sprechen nicht darüber. So bleibt im Dunkeln ob Barbara aus Mitleid mit Stella ihren Fluchtplatz überlässt oder weil sie die Ankündigung von Jörg „Im Westen musst Du nicht arbeiten, ich verdiene genug für uns beide“ fürchtet.

Der Film lebt vom Geheimnis, dem ungesagtem. Kamera und Schauspieler liefern eine Performance ab, welche den Film keine Minute langweilig werden lässt. Leider hat sich das Drehbuch am Hintergrund verhoben. Das fängt damit an das der geschlossene Jugendwerkhof Torgau, lag – wie der Name es sagt – in Nordsachsen. Eine Flucht bis an die Ostseeküste ist ohne Helferorganisation schlicht unmöglich. Es sei an all die Freiwilligen Polizeihelfer, amtlich verpflichteten Personen und all die bereitwilligen Denunzianten erinnert. (Ich erinnere mich daran, dass wir als Reichsbahner regelmäßig in solche Fahndungen einbezogen wurden). Es stimmen kleine Details der DDR Betriebsorganisation nicht. Wo z.B. ist das Ärztekollektiv um auf die Ausreisekandidatin einzuwirken? Die Küste der DDR war wegen möglicher Republikfluchten überwacht (insbesonders Nachts und bei schlechter Sicht), das spielt im Film keine Rolle. Über all das könnte man hinweg gehen, wäre da nicht das Ende. Wenn das Drehbuch es mit dem Hintergrund ernst meint, dann hätte am Ende die Verhaftung von Barbara durch die Staatssicherheit stehen müssen. Klar man weiß das die DDR Bürokratie sich manchmal selbst behindert hat, so das man die gelungene Flucht abnehmen kann, aber mit Sicherheit hätte bei Barbaras Rückkehr die Verhaftung gestanden. Eine Szene hätte genügt, aber so sitzen Barbara und Rico am Krankenbett und sehen sich verkitscht mit großen Kulleraugen an. Die Schauspieler hätten besseres verdient. Natürlich kann man argumentieren, dass der Film konsequent die Konsequenzen offen gelassen hat. Mit dem zeitlichen Abstand werden die Darstellungen der DDR zunehmend unpräziser, vieles wird mit Ostalgie weich gezeichnet, deswegen wäre die Verhaftung am Ende erforderlich gewesen um den Nachgeborenen deutlich zu machen: Barbara hat ein großes Opfer gebracht mit für sie wirklich unschönen Konsequenzen. Oder anders gesagt: Sie hat jemanden aus der Hölle geholt um an Ihrer statt dorthin zu gehen. Es wäre ein würdiger Abschluss gewesen.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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