Anmerkungen zum Historischen Roman

Historische Romane erfreuen sich zur Zeit großer Beliebtheit. Oder besser historisierende Romane! Den meisten der heute veröffentlichten Romane gelingt es nicht in die Epoche in der sie spielen einzutauchen, die Denkweise und Werte der damaligen Menschen aufzunehmen und dem Leser ein realistisches Bild zu vermitteln. Statt dessen werden unsere Problemstellungen, Ansichten Fragen in die fiktive Zeit transportiert. Auch die Lösungen sind nicht diejenigen der Zeit sondern unsere. Somit kann man bestenfalls von historisierenden Romanen sprechen.

(Die Regel kennt immer Ausnahmen. So sind die Romane von Ken Follett akribisch recherchiert).

Es drängt die Frage sich auf: „War das nicht immer so?“

Einen Blick zurück ermöglicht die Datenbank des Projekt Historischer Roman der Universität Insbruck. Der Datenbank beigegeben sind einige Aufsätze zum Themenkomplex „Historischer Roman“ etwa der von Wolfgang Wiesmüller Habsburgische Landschaften im historischen Roman vor 1850″ oder der sehr erhellende Aufsatz von Kurt Habitzel: „Der historische Roman der DDR und die Zensur“.

https://www.uibk.ac.at/germanistik/histrom/start.html

„Sind historische Romane noch möglich?“, diese Frage stellte Frank Thiess seinen Schriftstellerkollegen im Jahre 1958 *1 Während in der BRD und in Österreich die Antwort weitgehend mit „Nein“ beantwortet wurde und der Geschichtsroman in eine Krise gerät, die bis zum Ende der 70er Jahre anhält, erfreute sich das Genre in der DDR sowohl bei den Autoren als auch beim Publikum großer Beliebtheit. In einer von mir durchgeführten Untersuchung konnten über 400 historische Romane aus der DDR nachgewiesen werden, eine beträchtliche Anzahl, wenn man dies in Relation zum kleinen Buchmarkt der DDR setzt.“ (Zitat aus:Kurt Habitzel: „Der historische Roman der DDR und die Zensur“).

Die Datenbank war mein Dreh- und Angelpunkt der Recherche. Ich habe 17 Roman dafür wieder (ganz oder teilweise) gelesen und 5 neu gelesen.

Beobachten lässt sich – grob gesagt – bis zur Mitte des 19. Jh. steht im Mittelpunkt nicht die historische Auhentizität sondern die richtige moralische Haltung. Erkennbar bleibt aber doch ein Bemühen um Berücksichtigung der historischen Gegebenheit. In der Antike gelingt das in der Regel entlang der großen Antiken Autoren (Tatcitus, Cicero, Seneca usw.) recht gut. Für das Mittelalter wird es wild, das Fehlen einer Geschichtswissenschaft im heutigen Sinne wird deutlich.

Genau an letzteren entzündet sich die Kritik und der Versuch es besser zu machen. Im Laufe des letzten Drittels des 19 Jh. gelingt es immer besser den Geist der geschilderten Epoche einzufangen. Anzumerken ist, das zum Teil die Romane durch die aufgegriffenen Themen durchaus als Gesellschaftskritik zu verstehen sind (z.B. Felix Dahn „Ein Kampf um Rom“).

Nach dem ersten Weltkrieg sinkt die Qualität rapide und es wird das historische Thema oft hemmungslos in den Dienst der Ideologie gestellt. Seinen Höhepunkt erreicht diese Vergewaltigung des historischen Sujet im Dritten Reich (z.B. der  Roman von Ernst Wichert „Heinrich von Plauen“ – 1943 als „Die Burg im Osten“ als umgeschriebene Fassung veröffentlicht).

Wie schon im weiter oben stehenden Zitat von Habitzel erkennbar, endet der historische Roman im Westen nach 1945 weitgehend. In der DDR bleibt er populär. Neben der unvermeidbaren ideologischen Einflußnahme (positive Schilderung der progressiven gesellschaftlichen Kräfte der jeweiligen Epoche zwingend erforderlich), ist eine hohe Authentizität zu beobachten. Das hat eine Ursache in der Zensur. Diese forderte die Vorlage eine Gutachtens eines entsprechend renommierten Historikers. Gute Beispiele sind z.B. Bodo Kühn „Das Werk lobt den Meister“ oder Werner Legere „Ich war in Timbuktu“. Das natürlich eine Zensur zur „Schere im Kopf“ und der Verhinderung von Veröffentlichungen führt ist klar, dass sie aber auch eine Funktion als Qualitätssicherung haben kann finde ich interessant.

Mein Fazit: Der historische Roman hat in vielfältigen Spannungsfeldern schon gestanden. Durchschnittlich haben die Autoren mehr Qualität abgeliefert als zur Zeit zu beobachten. Wer historische Romane mag, dem seien die aus der DDR oder dem späten Kaiserreich empfohlen!

 

*1In: Wort in der Zeit, 4. Jg. 1958, Nr. 2, S. 97-99; Vgl. auch: Franz Theodor Csokor: Ist der historische Roman noch möglich? In: Wort in der Zeit, 8. Jg. 1962, Nr. 2, S. 46-50.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

2 Gedanken zu „Anmerkungen zum Historischen Roman“

  1. Hoi. Nur ganz kurz. 🙂 Also darüber, daß wir den BRD-Schrott à la „Die Schwiegermutter der Wanderhure“ oder „Die geheime Päpstin der Wöchnerinnen“ mal getrost vergessen können, sind wir uns wohl einig.

    Ich muß aber wieder etwas penetrant auf meinen Lieblingsschriftsteller Werner Bergengruen verweisen. Der war nun auch in der Weimarer Zeit aktiv, und seine Romane über den „Großtyrannen“ (spielt in der italienischen Renaissance), über das Brandenburg des 16. Jahrhunderts („Am Himmel wie auf Erden“) oder über Karl den Kühnen halte ich für exzellent. Da Du ja auch einen Draht zur Mark hast, kann ich Dir gerade „Am Himmel wie auf Erden“ nur empfehlen. Gibt es alles für nen Appel und nen Ei bei Amazon. Bergengruen war halt in den 50ern ein Bestseller-Autor…

    Vor allem aber danke ich Dir für Deinen Hinweis auf die „Qualitätssicherungs-Routine“ bei den historischen Romanen in der DDR. Ich werde da unbedingt mal nachfassen/lesen. Das wäre hier auch mal angezeigt. 🙂

    Sorry, ich war bin und bleibe halt ein Bergengruen-Fan, vielleicht etwas komisch bei einem Linken. 🙂

    1. Ich habe herzlich über Deinen ersten Absatz gelacht! Genau das ist es!!!
      Danke für den Hinweis! Ich kenne von Bergengruen nur einige baltische Erzählungen (u.a. der Tod von Reval). Da werde ich mal lesen…

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