“Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot”

“Rodung” aus dem Totentanz von Hans Holbein d.J.

Heute kam die Mitteilung das der „Historische Besiedlerzug A.D 1156 auch 2021 höchstwahrscheinlich nicht stattfinden wird. Daher will ich heute mit diesem kleinen Artikel an die hochmittelalterliche Besiedlung erinnern. Seit 1994 bis zur Coronaepedemie hatte der gleichnamige Verein einmal im Jahr einen typischen mittelalterlichen Besiedlerzug nachgestellt. 9 Tage zieht der Zug in Richtung/durch das Rodungsgebiet (Strigistäler) im Erzgebirgsvorland.

Der Verein erinnerte damit an etwas für Sachsen konstitunelles.  Den Sachsen ist Siedlungsland. Nach einer eher kleinräumigen und oft nicht organisierten Besiedelung (die sogenannte wilde Wurzel) wurde in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts das Land bis zum Erzbebirgskamm kolonisiert. Es kam geradezu zu einem Wettlauf zwischen Gewalten, namentlich: dem Kaiser, dem Markgrafen von Meißen und den Bischöfen. Besiedlung organisieren hieß Einfluß und Macht erwerben. Aber es war auch für viele – aus erbuntertänigen Verhältnissen  Süd- und Westdeutschlands stammende Menschen – der Weg in ein weniger bedrücktes Leben. Die Siedler mussten nur sehr geringe Abgaben bezahlen und waren freie Bauern (Leibeigenschaft hat es daher in Sachsen nie gegeben).

Man muß sich das Land vor der Kolonisation als einen großen wilden Wald mit vereinzelten kleinen Siedlungsinseln darin vorstellen. Das war seit dem Abzug der Germanen und der Ansiedelung der Slawen so gewesen.

Sidestep: zur Frage des Wegzuges der Germanen und dem siedeln der Slawen in unserer Gegend gibt es einzelne Forschungen (z.B. zur parallelen Kontinuität an einzelnen Plätzen), der große Rahmen ist auf Basis der einzelnen  Erkenntnis der letzten 30 Jahre noch nicht beschrieben worden. Auch ist das ideologisch vermintes Gelände.

Zusätzlich hatten die Kriege der deutschen, polnischen und tschechischen Könige um das Gebiet das Land zusätzlich entvölkert. Zwar gab es vereinzelte Kolonierungsaktivitäten (geordnet etwa um das Reichsland an der Mulde und ungeordnet („wilde Wurzel“) z.B.  um Chemnitz und Frankenberg) aber im großen und ganzen war das Land leer.

Kolonisieren wilden Landes ist hart. Und das Hans Holbein d.J.  in seinen Totentanz ein Bild „Rodung“ aufnahm, sagt viel aus.

Sidestep: Ich kenne diesen Holzschnitt mit der Unterschrift: “Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot“ und das Bild legt das auch nahe, aber ich weiß auch das dieser Spruch den Wolgadeutschen,  den Banater Schwaben wie auch den Emsländer Moorkolonisten zugeschrieben wird. Das „Memeler Dampfboot“ (Zeitung der heimatvertriebnen Memelländer) aus dem Jahr 1986 verweist auf das Jahr 1633 jedoch ohne die Quelle zu nennen. Ich kann mir vorstellen das es ein sogenanntes „fliegendes Wort“ ist was recht alt ist und deswegen unterschiedlich zugeordnet wird.

Man stelle sich es einmal vor: Die Kolonisten mussten so rechtzeitig eintreffen das sie Behausungen für den Winter bauen konnten. Die Vorräte für den ersten Winter mussten sie mitbringen. Im Winter wurde der Wald gerodet. Das Bild von Hans Holbein zeigt das heraushebeln eine Baumes, eher dürfte man zwar die Bäume gefällt und die Stuben gerodet haben, eine extrem Kräftezehrende Arbeit war es trotzdem. Wenn man nun das geschafft hatte, dann musste der Waldboden im Frühjahr umgebrechen und säen. Immer in der Hoffnung das die Erne ausreichend ausviel, bis dahin lebte man sehr wahrscheinlich von dem was das Land hergab. Und oft brachte der Sommer nicht die erhoffte Ernte. Doch die Menschen waren zäh und gaben nicht auf. Es wird unter Mediavisten, Historikern und Archäologen diskutiert ob es in Folge dessen zu einer Verkürzung der Generationsfolge gekommen ist (5 Generationen in der Zeit von eigentlich drei Generationen). Und die Menschen haben es geschafft und sich durchgebissen! Diese Bedingungen sind auch der Grund warum die Mächtigen welche die Ansiedelung voran trieben auf sehr wenige Abgaben Anspruch erhoben. Interessanterweise haben wir mit der Urkunde zum Rechtsstreit der Soraer Bauern mit dem Ritter von Taubenheim (beides Dörfer im Meißner Hochland) über die Abgaben ca. 3 Generationen nach der Besiedelung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Wort noch zu einem sehr zeitgeistigen Thema. Traditionell werden diese Vorgänge als „Deutsche Ost-Kolonisation“ bezeichnet. Seit geraumer Zeit wird dieser Begriff geschmäht mit der Begründung, es seien ja auch Nichtdeutsche daran beteiligt gewesen. Es hat niemand vorher behauptet das es nur Deutsche gewesen seinen. Z.B. belegt die Kührener Urkunde die Ansiedelung von Flamen im sächsischen Flachland. Aber es sind überwiegend Deutsche gewesen (das lässt sich an Hand der Namen der Orte belegen) die aufgebrochen sind und ein hartes Leben gemeistert haben. Bisher hat keiner der „Zeitgeistigen“ – so will ich sie mal nennen – nachgewiesen das es überwiegend Nichtdeutsche gewesen sind.

Was mir wichtig ist: zu erinnern an diesen großen Aufbruch, an die daran beteiligten Menschen. In diese Zeit fällt auch der Fund von Silber in den Wagengleisen eines auf den Erzgebirgspass zielenden Handelsweg. Das erste Berggeschrei und die Gründung von Freiberg… Weder der sächsische Bergmann noch der sächsische Bauer waren dann im Laufe der Geschichte besonders folgsame Untertaten, sie waren Kraft ihrer eigenen Händer Arbeit wer!

Ich kenne zwei Fassungen des Bildes von Hans Holbein d.J.  Ich bin kein Hans Holbein Experte. Aber mindestens eine Fassung verweist auf die Bibel und das Los der Menschen nach dem Sündenfall. Und wenn es das Los der Menschen ist für das Infrage stellen von dem Ort wo uns die gebratenen Tauben in den Mund fliegen  verstoßen zu werden und es täglich neu erkämpft, dann heißt das Menschwerdung. Doch das ist eine andere Diskussion.

 

„Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muss.”

Goethe  aus dem Faust II

 

Und hier die zweite Fassung die ich kenne.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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