Die Schlüsselblume

Schlüsselblumen im Gebirge – Künstlerpostkarte von Anna Haller

In dem Konvolut an Künstlerpostkarten, das ich schon in dem Beitrag „The Prisoner of Chillion „erwähnt habe, waren auch mehrere Blumenmotive. Das freut mich besonders, kann ich doch endlich mal wieder etwas Botanisches machen! Die letzten Bestrebungen diesbezüglich von mir scheiterten am fehlenden Bildmaterial (und der Blog soll Hobby sein, deswegen vermeide ich wo ‚es geht Bilder zuzukaufen.). Noch ist Winter und alles grau, doch sich etwas freuen darf man schon!

Ich möchte Euch heute eine etwas in Vergessenheit geratene Heilpflanze vorstellen – die Schlüsselblume (auch Himmelsschlüsselchen, Schlangenkraut, Primel genannt) Wobei in der Literatur z.B. dem Arzeneipflanzenlexikon immer mal wieder behauptet wird das die Bezeichnung „Himmelsschlüsselchen“ nur bis ins 16 Jh gebräuchlich war. Das stimmt so nicht, in meiner Kindheit würde sehr oft vom Himmelsschlüsselchen gesprochen und ich habe eine Weile gebaucht bis ich begriff das die Schlüsselblume und das Himmelsschlüsselchen identisch sind.

Botanisch unterscheidet man:

Frühlings-Schlüsselblume oder Echte Schlüsselblume (Primula veris L.)
Wald-Schlüsselblume oder Hohe Schlüsselblume (Primula elatior L.)

Diese markante Pflanze blüht als eine der ersten im Frühling.

Sie wird wie folgt beschrieben:

„Aus einer Rosette von samtig behaarten, ganzrandigen Blättern entspringen die bis zu 20 cm hohen Blütenschäfte. An deren Enden stehen mehrere hängende, angenehm duftende Blüten in einer Dolde angeordnet. Die Kelchblätter sind zu einer Röhre verwachsen, aus der die dottergelbe Blütenkrone mit 5 Lappen deutlich herausschaut. Die Blütenschäfte der nah verwandten Wald-Schlüsselblume oder Hohen Schlüsselblume (Primula elatior (L.) Hill.) werden bis 30 cm hoch, ihre Blütenkrone ist blassgelb bis schwefelgelb und duftet nicht. Blütezeit beider Arten ist April bis Mai.“ (Quelle: Arzneipflanzenlexikon.info)

Zum Standort finden sich zum Teil widersprüchliche Angaben (insbesonders ob die Echte Schlüsselblume und die Hohe Schlüsselblume unterschiedliche Standorte bevorzugen. Einigkeit besteht das die Schlüsselblume kalkreichen, lockeren, stickstoffarmen Boden und sonnige (Waldränder, lichte Wälder, Trockenrasen) Standorte bevorzugt. Sie ist nicht auf nassem Boden zu finden.

Bereits im Mittelalter war die Schlüsselblume als Heilpflanze bekannt. Hildegard von Bingen erwähnt sie. Allerdings gibt Hildegard von Bingen die Schlüsselblume als probates Mittel zur Heilung  von Krankheiten  wo sie NACHWEISLICH KEINE Wirkung hat an (z.B. Depression, Migräne, Epilepsie, Rheuma, Gicht, ja sogar für die Heilung Geistesgestörter wird die Schlüsselblume empfohlen ). In der frühen Neuzeit findet sich allerlei Mythisches, etwa das es die Lieblingsblume des Petrus gewesen sei, das sich damit der Himmel oder zu mindestens Goldschätze aufschließen lassen usw. Aber auch die erste korrekte Beschreibung ihrer Wirkung die mir bekannt ist durch Paracelsus. Ob Leonhart Fuchs sie in seinem Kräuterbuch aufführt konnte ich nicht prüfen.

 Die Schlüsselblume ist als Heilpflanze wahrscheinlich im 19. Jh. verloren gegangen. Der Zedler kennt sie noch als „nützlich“ Heilpflanze, Herders Conversationslexikon kennt sie nur noch als Blume und „wohlriechend“.  Einigen Quellen zufolge wurde ihre Heilkraft in den Krisenzeiten des 20. Jh. wiederentdeckt. Interessanterweise kennt mein Drogistenlexikon (1919) sie nicht. Ich vermute mal sie ist nie ganz vergessen gewesen aber eben auch nicht mehr weit bekannt gewesen. In dem DDR Buch „Pflanzen helfen heilen“ (Erstauflage Ende der fünfziger- / Anfang der sechziger Jahre) ist sie aufgeführt (die Not des Krieges und Nachkrieges lag noch nicht lange zurück). Heute fehlt sie z.B im Mediznalpflanzenlexikon (Botanik für Pharmazeuten) der Ernst-Moriz-Arndt-Universität Greifswald. Und das obwohl es mittlerweile Wissenschaftliche Studien zu ihr gibt. Dafür ist die Schlüsselblume in esoterischen Kreisen beliebt. Leider wird von diesen Kreisen die Hildegard von Bingen genannten Anwendungen ungeprüft empfohlen. Diese Wirkung ist überwiegend nicht nachgewiesen und teilweise sogar falsifiziert. Wissenschaftlich belegt ist eine schmerzstillend und den Auswurf fördernde Wirkung bei Erkältung der oberen Luftwege.

Verwendet werden die Büten/Blätter und die Wurzeln als Tee (mit Honig o.ä süßen!). Dazu werden von den getrockneten Wurzeln ca.  0,5 g fein geschnitten und  mit 150 mL kaltem Wasser versetzt, der Ansatz zum Kochen gebracht, vom Herd genommen und nach 10 Min. abseiht.
Verwendet man Blüten sollte man einen Teelöfel voll der Trockenmasse  mit 150 mL kochendem Wasser übergießen und nach 10 bis 15 Min. abgeseihen.

Achtung: die unbedenkliche Tagesdosis liegt bei:

von den Wurzeln nicht mehr als 0,5-1,5g Trockenmasse

 von den Blüten nicht mehr als 2-4 g Trockenmasse.

Einen Beleg für die im Internet zu findende Behauptung das sie bei den Kelten und Germanen eine besondere Rolle gespielt hätte, habe ich nicht finden können (wer einen findet – bitte melden!).

Die Schlüsselblume ist verwandt mit dem uns allseits bekannten Primel (Primula obconica). Dieses hat nichts mit unserer Schlüsselblume zu tun! Das „Primel“ stammt aus China und enthält Giftstoffe! Bitte nicht zu Tee verarbeiten!

Zu guter Letzt: wenn Ihr jetzt richtig Lust bekommen habt loszuziehen um Schlüsselblumen zu sammeln muss ich Euch leider enttäuschen: die Schlüsselblume steht unter strengen Naturschutz. Aber man kann sie im Garten anbauen (das wird auf dem Balkan in großem Stil gemacht – von dort kommen die in der Apotheke erhältlichen Wurzeln und Trockenblätter).

benutzte Quellen:

Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges UNIVERSAL LEXIKON Aller Wissenschafften und Künste, 1732-1754

Herders Conversations-Lexikon, 1854-1857

Paracelsus „Über die Eigenschaften der Kräuter, Wurzeln, Samen etc. Deutschlands, des Vaterlandes und Reiches“(Leipzig 1927)

Hildegard von Bingen – Das Pflanzen- und Kräuterbuch– 2005

Börngen – „Pflanzen helfen heilen“, 5. Auflage 1969

Syllwasschy – „Drogistenlexikon“ 1919

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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