Einige Anmerkungen zu Weißrussland

Zerstörte Kirche (?) in Ruthenien Quelle: Wikimedia Commons free

Ich habe die letzten Tage darauf gewartet das eine der großen Tageszeitungen aus gegebenen Anlass den ganzen großen Bogen der Geschichte und der Verflechtung ausrollt , den man besser im Hinterkopf hat wenn man über Weißrussland spricht. Leider Fehlanzeige, weder die FAZ, die Welt, noch die Süddeutsche oder die Zeit haben es getan. So will ich versuchen darzulegen was es meiner Meinung nach zu wissen gibt. Es ist ein Versuch und es ist aus dem Kopf zusammengeschrieben. Ich lese seit mehr als zehn Jahren intensiv über diesen Raum ist er doch untrennbar mit Litauen verbunden. Das was ich hier darlege, ist das was als Quintessenz, das was bei mir hängengeblieben ist. Fehler sind immer meine Fehler. Und es ist zum Teil auch meine subjektive Sicht und gewiß ist es nicht der Weisheit letzter Schluß. Aber lasst uns anfangen über Weißrussland zu reden.

 Doch bevor ich anfange noch eine Warnung: es wird lang werden und ich werde immer wieder abschweifen müssen. 

Zuerst wir sprechen über einen Kontaktraum in dem schon seit dem Mittelalter unterschiedliche Einflüsse zusammentraf. Moskowitische und solche von Twer aus dem Osten, die der Ruß in Kiew von Süden, polnisch/ungarische von Südwesten/Westen, deutsche von Westen /Nordwesten, skandinavische von Norden. Das sieht man der materiellen Kultur an. Der historischen wie der Gegenwärtigen. Wenn ich über den Kasimir Markt in Vilnius gehe fallen mir die weißrussischen Künstler mit ihren oft ausgefallenen, nein eher eigenwilligen Gestaltungen besonders auf.

Das Gebiet des heutigen Weißrusslands ist in der Geschichte Teil von verschiedenen Reichen gewesen (darauf kommen wir noch). Es ist von unterschiedlichen Leuten unterschiedlich genannt worden (mit nicht immer lauteren Absichten) In den wenigen Momenten der Selbstbestimmung haben sie sich als Ruthenen bezeichnet. Auch der Großfürst von Litauen war der „Rex Ruthenus“.Und hier schweife ich zum ersten Mal ab.

Die deutsche Wissenschaftsgemeinde hat sich in maßgeblichen Teilen geeinigt, das der Begriff der Ruthenen falsch sei und bloß das Ergebnis nationalistischer deutscher Historiker. Damit übernimmt sie die russische Sichtweise, die sich wie so oft beim „Sammeln russischer Erde“ damit schwer tut eine abweichende Identität zu akzeptieren. Überzeugende Argumente hat sie dafür nicht. Denn die alte Bezeichnung von Teilen des Gebietes als Weiß-, Rot- bzw Schwarzrussland taugt dafür nicht. Dort wo sie historisch gebraucht wurde markiert sie einen Gebietsanspruch. Das ist bis heute so, Weißrussland ist ein Anspruch von außen (und der implizite Verzicht auf Rotruthenien was überwiegend das alte Galizien war). Als was sich die Bewohner heute definieren ist: Pole, Litauer, Russe und ja Ruthene. Und die Ruthenen sind die ursprünglich dort lebenden Bewohner, alle anderen sind zugezogen. Und die Argumentation Ruthenien wäre nur ein anderes dialektisches Wort für Russen taugt in etwa genauso viel wie die Bezeichnung der Polen als Weichselrussen. Ich bleibe also bei Ruthenien. 

Aber zurück zu dem Thema. Ruthenien und Litauen kann man nicht trennen. Lange Zeit ist Ruthenien Teil des Litauischen Staates gewesen. Deswegen hat die Unabhängigkeitsbewegung Anfang der neunziger Jahre ja einen modifizierten litauischen Reiter als Symbol gewählt. So und jetzt müssen wir abschweifen und über das alte Litauen sprechen um zu verstehen warum das nicht nur eine weitere Periode von Fremdbestimmung war.

Das alte Litauen war kein ethnischer Staat! Im Gegensatz zu Polen, Russen, Deutschen war die volksmäßige Basis schmal. Noch heute verhalten sich die Dialekte des Litauischen teilweise so zueinander wie Hochdeutsch zu Schwizerdütsch! Schon das frühe Litauen griff weit nach Südosten aus. Die Genese verschwindet im Dunkel der Geschichte. Auch ist nicht überliefert wie genau das Verhältnis zur goldenen Horde war, klar ist jedoch das die Behauptung der goldenen Horde das die Ruthenen ihnen tributpflichtig seinen Angeberei war oder nur temporär galt. Wahrscheinlich ist es mal so und mal so gewesen ähnlich wie bei uns mit den Awarenstürmen im 10. Jahrhundert. Als die ersten Chronisten des Westens von Litauen berichteten und deren Großfürsten Kanzleien aufbauten um mit dem Westen zu korrespondieren war der Titel ganz selbstverständlich der des Königs der Litauer und Ruthenen. Die griechisch-orthodoxe  Missionierung scheint schon weit fortgeschritten gewesen zu sein. Den ihr verdanken wir die Aufzeichnung des frühen Ruthenischen. Daher wissen wir das es die Vorgängersprache des heutigen Ukrainischen und des heutigen Weißrussischen war. Die Großfürsten achteten fein auf eine Balance (z.B. war meist ein naher Verwandter des Großfürsten – wenn dieser katholisch verheiratet war – orthodox verheiratet). Den sprachlich haben Litauisch und Ruthenisch völlig andere Wurzeln. Der Staat mit mindestens zwei Kulturen funktionierte! Es gibt keine Hinweise das die Ruthenen nicht gleichberechtigt ihren Standesgenossen im heutigen Litauen waren. Und hier muss ich in der Abschweifung nochmal abschweifen:

Da die Archäologie auf Grund ihrer Befunde keine Aussagen über eine ethnische Identität machen kann, definiert sie annähernd gleichförmige Befunde als Kulturen. Ich verwende den Begriff Kulturen, da die ethnische Abgrenzung hier unklar ist. Die Frage ob es nur ruthenisch sprechende Litauer waren etc. möchte ich hiermit ausklammern, das führt zu weit.

 Das Ruthenische war eine der wichtigen Sprachen in Litauen. Die Macht der Großfürsten beruhte auf einer guten Regierung was vor allem hieß die Stürme welche der Zerfall der Goldenen Horde, der Machthunger der Moskoviter und des deutschen Ordens hervorrief zu meistern. Litauen und Ruthenen brauchten einander. Das wurde erst nach der Lubliner Union anders, nun war der Grundherr Pole und der abhängige Bauer Litauer oder Ruthene.

Doch zurück zum Thema! Ruthenien wurde zerstückelt als Polen ( zudem es durch die Lubliner Union seit 1569 gehörte) geteilt wurde (1772,1775 und 1779). Egal zuwem es gehörte es finden sich Zeugnisse einer ruthenischen Identität. Trotzdem blieb es ein Ressonanzraum der Ideen und Kulturen auch wenn es als ärmlich und zurückgeblieben beschrieben wird. Somanches östliche geistige Gut fand über Ruthenien seinen Weg nach Wien und Westeuropa. Joseph Roth hat diese Kultur in seinen Romanen porträtiert. Und hier muss ich erneut abschweifen:

Natürlich lebten bis zur Ermordung durch uns Deutsche sehr viele Juden in dem Gebiet. Ihr Einfluß und ob das eine Folge der Goldenen Horde, der Pest, der Kriege oder von allem zusammen war lasse ich außen vor.

Der Ruthene fand sich in etwa in der gleichen Situation wie der Ukrainer und der Litauer wieder: als unterprivilegierter vom Grundherren oder der Stadtobrigkeit Abhängiger. Aufstiegschancen gab es vielleicht im österreichischen Teil ansonsten… Und doch entsteht ein dünnes Bürgertum das sich irgendwie ruthenisch fühlt und mit ihm entsteht ein Nationalgedanke. Die Startchancen auf einen eigenen Staat nach 1918 waren aber schlechter als in Litauen oder der Ukraine. Denn – was wenigen heute klar ist – schon im ersten Weltkrieg war Weißrussland Schauplatz erbitterter Kämpfe und großer Zerstörung. So wurde das östlichst gelegene Bauwerk des sächsischen Barock, das Schloss August des Starken in Grodno während der Kämpfe vollständig zerstört. Der Krieg, die Unruhen der Zwischenkriegszeit, der zweite Weltkrieg und die Vertreibung der Polen nach dem Vertrag vom 19. August 1945 haben Weißrussland tief geprägt. Das Bürgertum war zermalmt.(Zur Nachkriegsproblematik empfehle ich den Roman „August 1944“) Viele die heute dort leben, sind Kinder Entwurzelter die in das Land kamen. Das Land hat ein vages Bewußtsein das es zwischen Ost und West steht und ist defacto auf der Suche nach der eigenen Identität. Und hier muss ich abschweifen:

Die polnischen Ansürüche auf Ostpolen beruhen auf einem Fortschreiben der Gebiete aus der Zeit der Lublinerunion, der Zei des Königs von Litauen und Ruthenien.. Entsprechend leicht vergiftet ist das agieren von Polen heute, in dieser Krise….

Es ist ein Zeichen von tiefster Unkenntnis wenn Journalisten die Anführerin der Opposition die mit der gerade nicht großrussischen Fahne auf die Straße geht als „russlandfreundlich“ bezeichnet. Ich habe bei dem FAZ Journalisten nachgehakt wie er dazu kommt. Sein Argument war „.. aber sie sprach ja russisch..“ – ja mei die Frau wußte das in Westeuropa Ruthenisch oder Litauisch nicht verstanden würde…und Englisch dürfte nicht ihre Fremdsprache sein. .. Heilige Einfalt! Und gerade die Fahne zeigt das Anknüpfen an eine eigenständige Tradition eines alten Kontaktraumes in denen Resonanzen sich zu neuem vermischen.

Und damit schweifen wir zur Fahne ab. Immer wenn mal wieder die Ruthenen unabhängig waren haben sie als Fahne den roten Streifen auf weißem Grund gewählt er ist erstmals 1514 nachgewiesen, dürfte aber älter sein. Das Wappen, ein an den litauischen Reiter angelehnter Ritter ist bereits für das 15. Jahrhundert als eigenständiges Wappen überliefert. Lukaschenko hat diese 1995 mit einem Trick abgeschafft. Er hat ein Referendum veranstaltet mit der Frage „Sind sie für das alte oder das neue Wappen?“ Dabei war unklar was das alte oder das neue Wappen war. War das „alte“ das die Mehrheit bekam, das damals gültige, also der 1992 eingeführte Reiter oder das aus der sowjetischen Ära… letzteres behauptete Lukaschenko.

Noch ein paar moderne Fakten: Ein Drittel des Landes sind durch den Reaktorunfall in Tschernobyl verstrahlt, andere Teile unfruchtbares Land. Das Land ist arm, viele Weißrussen suchen Arbeit im Ausland in Russland oder in Westeuropa. Sich in Lukaschenkos Reich als Litauer oder Ruthene zu bezeichnen heißt seine Existenz wirtschaftlich, manchmal auch physisch gefährden. Deswegen sind alle Angaben zur Größe der Minderheiten nicht ernst zu nehmen.

So ich habe das jetzt in drei Stunden niedergeschrieben. Wenn ich noch etwas später ergänzen will oder korrigieren muss werde ich es per Nachtrag tun.

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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