Paul Hay (1867-1952)

Vor einiger Zeit kamen mir Künstlerpostkarten von Pal Hey unter. Sie waren in einem Konvolut Künstlerkarten von denen ich bereits einige hier im Blog verwendet habe.  Andere habe ich mir dann gezielt besorgt. Es waren vorwiegend Landschaften mit einigen Menschen im Vordergrund. Beispielhaft seien hier „Am Krautacker“ mit den beiden Frauen im Vordergrund genannt.

Am Krautacker

Die Landschaft dahinter erscheint vertraut. Doch beim näheren Hinsehen kommt man ins Grübeln, denn kennt man die Landschaft erkennt man die Ungenauigkeiten. Doch sind es Überzeichnungen oder hat man selbst die Landschaft so bisher nur nicht wahrgenommen? Das Bild zeigt unzweifelhaft Burg Hirschstein an der Elbe etwa 20 Kilometer unterhalb Meißens. Um die Karte zu prüfen bin ich losgezogen und im weiten Radius um die Burg gelaufen. Auch habe ich alte Aufnahmen zurate gezogen. Die Veränderungen sind subtil. Der Berg ist etwas schroffer. Die Anzahl der Gebäude, deren Dächer man auf der Karte sieht, etwas größer. Den Blick genauso gibt es nicht, einen ähnlichen schon. Die Morphologie der Landschaft scheint auch im Wesentlichen getroffen. Doch könnte es nicht eine ganz andere Flusslandschaft sein? Also habe ich Literatur gewälzt. Und ich wurde fündig! Mit Datum „Juni 1921“ schreibt Hey an seinen Verleger „..nach gemütlichen Wanderungen um Meißen herum …. (ausschweifend über seine Absichten) …so sind doch einige adrette Landschaften entstanden die sie gewiss bei Gelegenheit von mir zu sehen bekommen“ Auch wenn das noch kein Beweis ist das er in Hirschstein war, ein starkes Indiz ist es schon.

Ein anderes Beispiel ist die Monatskarte Oktober.  Wie bei „Am Krautacker“ gibt es den Blick so nicht (dass andere Elbufer ist flach und niedrigerer als das Pillinitzer wo sich hinter dem Schloss gleich die Ausläufer des Borsberges erheben. Die Landschaft scheint aus dem (fiktiven) Blickwinkel gut getroffen. Die Form der Dächer den Dresdener gleich an Pillnitz denken. Natürlich sind alle Hinweise auf das industrielle Zeitalter getilgt.

Die Marienkirche von Pirna ist unzweifelhaft zu erkennen, auch die Landschaft, in die man im Hintergrund blickt ist vertraut (freilich um die Schlote der Industrialisierung bereinigt.) doch was ist mit dem Mittelgrund? Deutlich erkennbar ist ein – wie ich meinte – Kirchturm. Ich habe gerätselt und auf die Nikolaikirche welche 1875 abgebrochen wurde getippt. Deswegen habe ich die „Neue Sächsische Kirchengalerie“ (Herausgegeben zw. 1900 und 1914) nachgesehen. Dort findet sich ein Bild von Canaletto – ein Blick aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung auf welchem das Obertor abgebildet ist. Mir fiel die Position ins Auge. Könnte das etwa die Lösung sein… ganz passen tat es nicht. Aber Canaletto und Hey waren auch keine Zeitgenossen. Sowohl das Obertor als auch das Dohnschen Tor (von dem ich wußte da ich Pirna recht gut kenne und das gleichfalls in Frage käme) gibt es nicht mehr. Das 19. Jahrhundert hat sie abgebrochen, so wie die Nikolaikirche (die übrigens nur einen Dachreiter hatte wie ich herausfand) Ich habe weitergesucht und eine Darstellung des Dohnschen Tor im Grafikkatalog des Kunsthistorischen Instituts in Florenz gefunden. Das Bild passt deutlich besser auf den von Paul Hey gemalten Turm als das Obertor, trifft es aber auch nicht ganz. Leider habe ich auf meine Bildanfrage aus Italien nur eine unhöfliche Mail bekommen so dass ich hier das Bild nicht als Vergleich vorweisen kann.

Fassen wir am Beispiel der Karte von Pirna zusammen. Die Motive lassen sich nachvollziehen. Jedoch hat Paul Hey im Sinne einer lyrischen Darstellung (?) z.B. Fabrikschlote beseitigt und zweifelsohne geglättet und überzeichnet. Auch ein Rückgriff auf nicht mehr existierende Bausubstanz kommt vor. einmal vorhandenes, aber zu seinen Lebzeiten nicht mehr sichtbares zurückgegriffen.

 Ob ihn dabei, die gleiche Einstellung des Bildes „als inneres Erlebnis“, „Abbild des eigentlich Wahren das nur im Inneren schlummert“ wie es die Romantiker formulierten motivierte oder ob es lediglich um die lyrische Stimmung ging wage ich nicht zu beurteilen. Festzuhalten bleibt das Paul Hey sich selbst als ein aus der Zeit gefallener sah und darauf stolz war.

Paul Hey hat überwiegend Ansichtskarten und Buchillustrationen gestaltet.

Carolin Raffelsbauer schreibt in ihrem Buch über Paul Hey

„Sie [die Ansichtskarte] mußte deshalb so weit wie  möglich die tatsächlichen Verhältnisse exakt wiedergeben, ohne den guten Eindruck durch störende Elemente zu trüben– es ging um realistische, nicht aber um naturalistische Wiedergaben.“

Sein Werk sticht deutlich aus dem in seiner Zeit erwartbaren (bezogen auf die Riege der Illustratoren und Ansichtskartenmaler) heraus. Zwar bedient er romantische und idyllische Vorstellungen, doch in seinem Werk vor dem Zweiten Weltkrieg  ist er  zwar gefällig, gleitet aber nicht ins kitschige ab (das tut er dann ganz übel nach dem WK II, aber das war lang nach seiner großen Zeit).

Am ehesten noch erfüllen, seine Weihnachtsmann- und Christkindmotive den Begriff Kitsch. Aber sie ragen meilenweit über das was so das gängige Niveau des beginnenden 20. Jhd.  war hinaus. Insbesonders die künstlerische Qualität in Sachen Komposition und Umgang mit dem Licht hebt ihn von seinen „nur handwerklich guten Kollegen ab. Immer dann, wenn er bei seinen Weihnachtskarten auf diese Gestalten verzichtet gewinnen die Karten an Qualität. Manchmal meine ich sogar, dass seine Wintermotive seine stärksten Karten sind. Was aber auf jeden Fall ihn abhebt ist sein Umgang mit dem Licht im Bild.

Anmerken möchte ich: auch Casper David Friedrich hat Landschaften „komponiert“ und reales mit fiktiven vermischt. Ursprünglich wollte ich hier eine Vergleichslinie ziehen und einen grundsätzlicheren Blick auf das Thema werfen. Ich musste aber bei der Recherche erkennen, dass meine Zeit nicht ausreicht um das Thema annähernd zu bearbeiten und das ich mich teilweise auf ein Eis wagen würde auf denen sich promovierte Kunstwissenschaftler mit gegensätzlichen Auffassungen tummeln – das Eis war mir dann doch zu dünn.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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