Pilze mit einer App bestimmen?

Steinpilz – oder besser gesagt das was wir als klassischen Steinpilz verstehen (es gibt mehrere Arten von Steinpilzen)

Nach dem die Nachtfröste der letzten Tage die Pilzsaison weitgehend beendet haben, ist es Zeit das Fazit zu einem meiner kleinen Projekte zu ziehen.  Ich habe Pilz Apps getestet. Das versprechen dieser Apps lautet – zugespitzt- so: “Kamera einmal vor den Pilz halten und schon ist der Pilz erkannt, Vergiftung war gestern.”

Wie bin ich zu diesem Test gekommen? Ich habe im Sommer vor der Frage gestanden einige mir bisher eher selten begegnete Championarten zu bestimmen. Klar, zuhause mit dem “Handbuch für Pilzfreunde” war das kein Thema, aber ich fragte mich ob die neue Technik nicht etwas für das Feld bereit hält und so habe ich drei verschiedene Pilz Apps installiert und ausgiebig getestet. Die Bedingungen waren auf Grund der Pilzschwemme ideal. Ich konnte reichlich testen.


Es gibt in Mitteleuropa etwa 5000 Großpilzarten (das sind mehr als es Großpflanzen gibt). Davon sind etwa 150 Arten giftig und ca. 200-300 Arten ungenießbar. Es gibt jedoch nur etwas mehr als ein Dutzend Giftpilze die tödlich wirken können. Trotzdem sind Vergiftungen immer unangenehm – und es sterben jedes Jahr Menschen an Pilzvergiftungen. Meistens ist der Grüne Knollenblätterpilz „schuld“ daran


Ich habe mir vier kritische Szenarien ausgedacht, die auf jeden Fall zu bewältigen waren. 

  1. Sicheres erkennen des Grünen Knollenblätterpilzes (tödlich giftig)
  2. Sicheres erkennen des Gift-Häublings (tödlich giftig – zudem gern vergesellschaften mit dem essbaren Stockschwämchen )
  3. Erkennen des Bitterling (wird gern mit dem Steinpilze verwechselt)
  4. .Erkennen des Karbolchampinon

Zusätzlich waren 20 Tests mit essbaren Pilzen zu bestehen.  Die Szenarien 1-4 wurden jeweils an mindestens drei unterschiedlichen Pilzen getestet.

Nicht bewertet habe ich die Bedienbarkeit der Apps. Meinem Gefühl nach hat man jedoch dort hinein zuviel in Userbility  und zuwenig in den Inhalt investiert. Doch dazu später im Fazit nochmal.

Wissen muß man auch, dass die Apps natürlich alle nur “vorschlagen” es könnte dieser und jener Pilz sein. Manche Apps geben dazu eine prozentuale Wahrscheinlichkeit an. Der Nutzer muß selbst entscheiden ob er den Pilz als essbar einstuft oder eher nicht.

Zu den Apps : 

Pilze App: An dieser App gefiel mir, dass sie auch mit Zeichnungen arbeitet. Ich halte Zeichnungen zur Bestimmung von Pilzen oder Pflanzen nach wie vor für die geeigneter Darstellung. Typisches wird in der Zeichnung besser heraus gearbeitet und Lichteinflüsse minimiert. Auf die App bin ich durch ihr Ranking im Play Store gekommen

Pilzator: diese App wird in den sozialen Medien oft positiv bewertet. Sie entspricht der Logik dieser Medien. Man kann seine Funde mit Freunden teilen und Pilze kaufen und verkaufen. Ich bin mit der App nicht recht “warm” geworden.

Pilze Erkennung vom Foto

Ich wollte drei Apps testen und habe mir diese recht wahllos beim Play Store gegriffen.

Testergebnis:

Fazit : 

Keine der Apps bewältigt die kritischen Aufgaben. Wenn beim grünen Knollenblätterpilz essbare Pilze wie der Champignon und der Perlpilz vorgeschlagen werden, dann ist die App untauglich! Ich erinnere daran: 80% aller tödlichen Vergiftungen gehen auf das Konto dieses Pilzes.  Zudem lassen sich der (essbare) Champignon und der Perlpilz recht einfach an Hand ihrer Merkmale vom hochgiftigen Grünen Knollenblätterpilz unterscheiden.  Auch das der Bitterling nicht sicher erkannt wird überrascht und enttäuscht. Auch wenn der Pilz“nur“ die ganze Pilzmahlzeit geschmacklich ungenießbar macht, ist es für den Sammler gravierend. Der Gift-Häubling ist dagegen ein recht unbekannter gefährlicher Pilz, der mitunter schwierig zu erkennen ist (man meide Pilze mit denen er gut verwechselt werden kann).

Zur teilweise angegebene prozentuale Wahrscheinlichkeit: diese gaukelt eine Sicherheit vor die es nicht gibt! Der Pilzator hat mit 66% Wahrscheinlichkeit einen Grünen Knollenblätterpilz als Grauen Wulstling angesprochen. Er hat damit den Fehler gemacht den immer wieder Sammler machen, die nicht sorgfältig die Merkmale prüfen (man kann diese beiden Pilze eigentlich nicht verwechseln!). Ich empfinde  die prozentuale Wahrscheinlichkeit als schwierig, sie verleitet Menschen dazu Pilze zu essen die nicht zu 100% sicher bestimmt sind.

Nach dem vorstehend gesagte bereits zu erwarten nur noch der Vollständigkeit halber: auch beim Erkennen der essbaren Arten kommt es zu teilweise kuriosen Verwechslungen. Wie man den Perlpilz als Safranschirmling erkennen kann, entzieht sich meinem Verständnis. Am Pilzbestimmungsbuch führt also kein Weg vorbei. Solange die Apps derartige Ausfälle liefern ist das Buch und das Studium der Merkmale der jeweiligen Pilzarten unumgänglich.

Meine „Bibel“ bei der Pilzbestimmung ist: “Handbuch für Pilzfreunde” in sechs Bänden mit Abbildungen von etwa 1300 Pilzarten, 6 Bände Erschienen bei Gustav Fischer Jena ab 1954 in mehrfach aktualisierter Auflage (meine Ausgabe ist von Ende der 80ziger Jahre). Leider ist das Handbuch seit der Wende nicht mehr erschienen. Antiquarisch wird es zwischen 100 und 200 EUR gehandelt.

Noch immer unschlagbares Basiswerk.

Zu guter Letzt:

Ich fand noch interessant das Licht und die natürlichen farblichen Veränderungen durch unterschiedliche Standorte bei der Bestimmung durch die App weniger als von mir vermutet eine Rolle spielen, jedenfalls konnte kein Systematischer Einfluß beobachtet werden. Dagegen hat mich überrascht, daß bei zwei Apps jeweils der gleiche Pilz bei zwei Versuchen unterschiedliche Bestimmungen erhielt.

 Mein Eindruck ist: es wurde bei allen Apps mehr Wert auf die Benutzerfreundlichkeit als auf die Inhalte gelegt. Rein vom Foto erkennen geht eben nicht. Da müssten dann ggf. Frageboxen aufgehen und z.B. bei dem dem Karbolchampinion fragen: “Läuft der Pilz an Druckstellen insbesonders im Bereich der Knolle, gelb an?” “Riecht er unangenehm nach Karbol/Krankenhaus?”. Besonder befremdlich empfinde ich – da es im direkten Sinn bei der Pilzbestimmung um Tod oder Leben geht – wenn noch vor einer abschließenden Bestimmung die Frage gestellt wird: “Möchtest Du Deinen Fund mit Deinen Freunden teilen? Diese Apps sind also mehr Sozial Media Spielzeuge als ernst zunehmende Bestimmungshilfen. Auf Basis ihrer “Expertise” eine Pilzmahlzeit zu suchen, davon kann nur abgeraten werden.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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