„three lines of defense”

Albert_Bierstadt_-“Amongthe Sierra Nevada,California” – Lizenz: Wiki Commons free

Mich hat eine fiese Erkältung ausgeknockt. Ich muss meine täglichen, langen Spaziergänge unterlassen. Dafür habe ich Zeit etwas niederzuschreiben zu einem Konzept, das ich interessant und bedenkenswert finde. Ich will es an zwei Beispielen erläutern warum es interessant ist sich darüber Gedanken zu machen. ( Und jetzt hatte ich auch die Zeit mich – bewaffnet mit meinem dicken Englischwörterbuch –  nochmal in die beiden Beispiele unten zu vertiefen. )

Im militärischen Englisch gibt es den Begriff der „three lines of defense”. Was darunter zu verstehen ist, will ich kurz zusammenfassen. (Wer sich für das Warum im militärischen Sinne interessiert den bitte ich woanders nachzulesen es würde hier den Rahmen sprengen).  Es geht darum wie der Soldat seine Ausrüstung organisiert.

 Die „first line“ ist der Rucksack, in ihm soll sich alles befinden was nützlich ist / es leichter macht den Auftrag zu erfüllen, aber nicht überlebensnotwendig ist. Der Rucksack kann schnell abgeworfen werden, wenn „Action“ gefordert ist, aber auch dementsprechend schnell verloren gehen. Dazu später mehr. Die „seconde line“ ist das was der Soldat an kleinen Kampfgepäck am chest rig oder früher dem Koppel trägt.Es soll den Soldaten  in die Lage versetzen zu überleben und seinen Auftrag zu erfüllen. Auch das kann unter Umständen verloren gehen. Die“ third line“ ist all das was der Soldat in den Taschen seiner Kleidung hat. Das was ihm im schlimmsten Fall als einzige Ausrüstung bleibt. Im Sinne des Konzept das was das dem Soldaten das pure Überleben sichert.

Und damit sind wir bei der Relevanz für Wanderer und alle die rausgehen. Anstelle jetzt zu theoretisieren will ich zwei Beispiele sprechen lassen.

Das erste Beispiel ist aus der Sierra Nevada und vor über zehn Jahren passiert. Brady G. Ist ein routinierter Wanderer der viel auch auf nicht markierten Trails läuft. Ein Mann Anfang 30, der jedes Jahr mehrere große Touren geht und so auf 2-3000 Kilometer im Jahr kommt. Brady war im Bereich des Übergänge der Sierra Nevada zur Kaskadenkette auf einer Mehrtagestour im Frühling unterwegs (näher wird das Gebiet leider in den Berichten nicht benannt, ist für uns aber unerheblich).

Beim Abstieg durch einen steilen schotterigen Hang verliert er das Gleichgewicht, stürzt und kann nur durch den Abwurf seines Rucksack verhindern in eine Schlucht zu stürzen. Der Rucksack geht verloren. Er selbst überlebt den Sturz mit Prellungen und Quetschungen aber ohne Brüche. Laufen fällt ihm schwer, geht aber noch, wenn auch langsam.

Bis zur nächsten menschlichen Ansiedlung sind es 30 Meilen knapp 50 Kilometer also. Was im gesunden Zustand eine lockere zwei Tagestour wäre, ist in seinem Zustand ein Marsch von 4 bis 5 Tagen. Dazu kommt: es ist Frühling und er bewegt sich auf rund 3000 m Höhe. Das heißt der Weg führt teilweise noch durch Schneefelder und die Bäche – die mehr Wasser führen- sind schwieriger zu queren. Die Nächte sind kalt und mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Brady ist also in einer potentiell bedrohlichen Situation.

Brady macht etwas sehr wichtiges: er bleibt nach dem Sturz erstmal sitzen und macht Bestandsaufnahme. Panik kostet Kraft und führt zu Fehlentscheidungen. Suchen wird ihn so schnell niemand, Nachricht wo er hingehen hat er auch nicht hinterlassen.  Was sein Plus ist: er trägt einen taktischen Gürtel mit mehreren Taschen mit Ausrüstung daran.

(Sidestep :ich vermute, dass er deswegen den Beckengurt seines Rucksack nicht geschlossen hatte und dadurch sich schneller aus den Trageriemen beim Sturz befreien konnte.)

Er hat so seinen Regenponcho, die Trinkflasche, etwas Verbandsmaterial und ein paar Müsliriegel dabei. In der Jackentasche findet er noch ein Feuerzeug, etwas Schnur und Papier Taschentücher. Sein Messer ist mit dem Rucksack verloren gegangen.

Brady hat sich einen Stock gesucht und ist humpelnd losgelaufen. An einem Schneefelder packt er Schnee in sein Halstuch und wickelt es um das geprellt Knöchel zum kühlen.Das wiedeholt er regelmäßig.  Neil ist klar, dass er mehrere Tage braucht und seine Kraft einteilen muss. Deswegen sucht er beizeiten einen geeigneten Lagerplatz mit Wasser und ausreichend einfach zu erreichenden Brennholz. Aus dem Poncho baut er ein einfaches Zelt. So kommt er gut durch die Nacht.

(Sidestep : ich vermute er hat in dem Feuer Steine erhitzt [das braucht 3-4 Stunden] und mit in das Zelt genommen. Denn da Ponchos aus Kunststoff gemacht sind, ist das Notzelt empfindlich auf Funkenflug. Deswegen konnte er das Feuer nicht vor dem Eingang errichten und sich so warm halten.. Die Quelle schreibt auch nichts über seine Bodenisolation.)

Brady schafft es so binnen 6 Tagen zurück zu Menschen und damit zu Hilfe zu finden. Gerettet hat ihn das er nicht alle Ausrüstung an einem Ort ( nämlich seinem Rucksack) verstaut hatte, oder anders gesagt die „seconde line“ hat ihn gerettet.

Was ich wirklich bemängele ist: er hatte mit dem Verzicht der Information über seine Tour eine grundlegende Sicherheitsregel missachtet. Ebenso gravierend ist, dass er kein Taschenmesser in seiner Jacke hatte. Meiner Meinung nach ist das Messer und die Möglichkeiten zum Feuermachen immer zu doppeln.

Masuren – von Maike Santing. Danke für die Genehmigung der Nutzung.

Das nächste Beispiel geht leider nicht so glimpflich aus.

Zuzanna und Michał sind Studenten in Warschau und seit mehreren Monaten ein Paar. Im November 2019 beschließen die beiden ein paar Tage auf den masurischen Seen zu paddeln. Ein Freund bringt sie mit dem Auto nach Ryn (Rein) . Er soll sie ein paar Tage später an einem vereinbarten Treffpunkt viel weiter südlich wieder abholen. In Ryn setzen sie ihr Boot ein.

Sidestep: Über das Boot ist nicht viel bekannt. Ich vermute ein Faltboot oder anderes Boot wo ein Holzgerüst mit wasserdichter Leinwand bespannt ist.

Die beiden haben ihre Sachen zwar in Plastiktüten gepackt im Boot verstaut aber keine Kanusäcke oder ähnliche Behältnisse die wasserdicht sind und aufschwimmen verwendet. Das soll sich als verhängnisvoll erweisen.

Jenseits von Mikołajki (Nikolaiken) passiert das Unglück. Das Boot rammt ein Unterwasserhindernis. Vermutlich ein im Wasser liegender Baum. Der Zusammenstoß ist so heftig das Zuzanna und Michał über Bord stürzen, das Boot reißt auf und kentert. Beide sind gute Schwimmer und retten sich an Land. Sie müssen in extremen Stress und Panik geraten sein, jedenfalls fehlen Michał Teile der Erinnerungen an das was sich an Land abspielt. Keiner von beiden hat eine Möglichkeit zum Feuer starten in den Sachen. Denn trockene Wechselsachen haben sie auch nicht. Auch keine Rettungsdecke o.ä. ist in ihren Sachen. Bei Temperaturen um 5 Grad droht Unterkühlung! Sie streiten sich und irgendwann schickt Zuzanna Michał los Hilfe zu holen, während sie selbst da bleibt.

Sidestep: man kann Fragen an das was Michał später berichtet hat stellen, für uns ist nur wichtig: sie bleibt da er zieht los.

Michał erreicht nach einer Zeit (wie gesagt Michał Erinnungen sind nicht präzise) eine stärker befahrene Strasse und stoppt ein Auto. Das bringt ihn zur nächsten Polizeistation. Erst jetzt wird ein Rettungsalarm ausgelöst. Einsatzkräfte finden Zuzanna sehr stark unterkühlt vor – für sie kam leider jede Hilfe zu spät.

Das vollständige fehlen eines Konzeptes für den Notfall hat ein Menschenleben gefordert. Wenn die beiden vorbereitet gewesen wären und das unabdingbare in ihrer Kleidung gehabt hätten, hätten sie sich ein Feuer machen können und so sich gerettet. Eine Kenntnis und Adaption der „three lines of defense” hätte ihnen geholfen. Zudem: sie sind in Panik verfallen. Anders als Brady im ersten Beispiel haben sie sehr falsch reagiert. Natürlich kann man vermuten, dass da sie sich noch nicht so gut kannten, jeder nur das „Sonntagsgesicht“ des anderen kannte und das in der Bewährungsprobe zum Verhängnis wurde, nur ich bin vorsichtig Michał’s Erzählung vollständig zu glauben. Er könnte auch Zuzanna im Stich gelassen haben, oder einfach verwirrt davon gelaufen sein und den Streit später vorgeschoben haben. Aber das ist für uns unerheblich.

Die beiden Beispiele zeigen das „three lines of defense“ ein Konzept ist, das sich lohnt zu durchdenken und für sich zu adaptieren. Zum Beispiel habe ich in meiner „third line“ immer eine Kapsel mit 20 Euro. Im städtischen Umfeld ist das das Rettungsmittel um, beim Verlust des Portemonnaies, zurück in die Sicherheit des Zuhauses zu gelangen.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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