Von einem Dorf das eine Stadt werden sollte

Freibank in Naustadt

Naustadt ist ein Dorf im Hochland unweit von Meißen. In der Dorfmitte steht die liebevoll restaurierte Freibank. Die Freibank hat mich zu dem nachfolgenden Beitrag animiert. Freibänke sind die Bänke (Tische) wo nicht zunftgebundene Fleischer ihre Ware vertrieben. In der Regel war ihnen nur gestattet mit minderwertigem Fleische zu handeln. Oft war es Fleisch, das von notgeschlachteten oder verendeten Tieren stammte. Damit standen sie nahe am Abdecker (meist ein Gehilfe des Scharfrichters) und waren damit nicht ehrbar, was wiederum bedeutete sie konnten nicht Zünftige (also Mitglied einer Zunft) sein. Freibankfleischer erfüllten eine wichtige Funktion für die Versorgung der untersten Schicht der Bevölkerung mit Fleisch. Wie stark die Verbindung zum Abdecker war ist regional unterschiedlich gewesen. (Und ich kenne dazu auch keine vergleichende Abhandlung aus der mehr herauszulesen wäre.) Sie waren jedoch – soweit ich es überblicke – nie so ehrlos das sie nur außerhalb der Stadt geduldet wurden. Aber – und das ist hier wichtig- Freibänke sind eine zutiefst städtische Angelegenheit, den nur wo es zünftige Fleischbänke gab, ergibt die Trennung in Zünftige und Freie Sinn. Und das führt uns zur städtischen Geschichte des Dorfes Naustadt

Das Scharfenberger Bergbaurevier.
© Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung Sachsen (GeoSN), 2021
Blick auf die Hochfläche zwischen Naustadt und Pegau. Die Baumgruppe links ist eine bewachsene mittelalterliche Halde.

Naustadt ist eine Gründung der Bischöfe von Meißen. Vermutlich wurde Naustadt in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet, seine erste Erwähnung 1312 als „Nuenstat“ (Neue Stadt) setzt die Existenz von irgendetwas wie einer Stadt voraus. Es ist als der Versuch einer Stadtgründung in der Nähe des Grubenbezirkes von Scharfenberg anzusehen. Der dortige Silberbergbau beginnt irgendwann kurz nach 1200 (Yves Hoffmann geht von 1220/1221 auf Basis eines Reductio ad absurdum aus). Genauer wissen wir es nicht. Die Stadt dürfte also zur Deckung des vielfältigen Bedarfs an Handwerksleistungen gedacht gewesen sein. Nach den bisherigen Forschungen kommt der Silberbergbau Ende des 14. Jahrhunderts zum Erliegen.

Schloß Scharfenberg. Die Burg Scharfenberg wurde von den Bischöfen von Meißen zur Sicherung des Silberbergbaues errichtet. Die Architektur weist Bezüge nach Frankreich auf. Trotzt Umbauten und Verwahrlosung in der DDR ist noch die über das gewöhnliche einer Burg hinausgehende Architektur erkennbar.

Abschweifung: Der Bergbau kam nicht nur im Scharfenberger Revier zum Erliegen, sondern in fast ganz Sachsen und weit darüber hinaus. Die Ursache ist sehr wahrscheinlich nicht durch ein Erschöpfen der Erzvorräte in der Zementationszone zurückzuführen, sondern auf eine makroökonomische Krise. Durch die Pest sank die Einwohnerzahl in Europa stark, die Menge des im Umlauf befindlichen Silbers jedoch nicht. Das führte zu einem starken Wertverfall und damit dazu das sehr viele Bergwerke unrentabel wurden.

Naustadt fiel zurück auf das Niveau eines Dorfes, immerhin blieb der überörtliche Charakter noch bis ins 18 Jh. erhalten. Hier fanden Märkte statt und es ist bis heute der Pfarrort der Gegend, aber an die städtische Entwicklung konnte es nicht mehr anschließen. Als der Bergbau wieder in Gang kam (ab ca. 1550) waren es die Meißner Handwerker, welche den Bedarf deckten. Man kann gut eine Parallele zur Frauenstein im Osterzgebirge ziehen, die bescheidene Handwerkerstadt hat ihren Ursprung im Silberbergbau der Umgebung (zu dem leider bisher fast nichts gedruckt wurde) und wuchs und blühte immer dann, wenn der Bergbau umging.

Abschweifung: Auch in Frauenstein wird eine Unterbrechung angenommen. Nur das hier, als die Bergwerke im 16. Jahrhundert aufbewältigt wurden, keine Konkurrenz gab so dass der endgültige Rückfall ins dörflichen verhindert wurde, weil die benötigte Handwerksleistung eben nur hier zu decken war. Eine Rolle könnte auch die Passstraße gespielt haben, so daß immer ein gewisser Bedarf bestand.

Die Freibank und ihre Existenz durch all die Jahrhunderte ist also eine Erinnerung an den Beginn einer Siedlung welche mal eine Stadt werden sollte, welche aber nie dazu wurde. Abschließend sei noch gesagt das in jener makroökonomischen Krise in Sachsen auch ganze Städte wüst gefallen sind. Z.B. die Bergstadt „Bleiberg“ auf dem Treppenhauer bei Sachsenburg (Zschkopautal).

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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