Von Harzern

Ein Baum mit den typischen Spuren der Harzgewinnung

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Nein ich will mich jetzt nicht zu Hartz IV äußern..Ich will über die Harzgewinnung sprechen.

Nein ich will mich jetzt nicht zu Hartz IV äußern..Ich will über die Harzgewinnung sprechen.

Im Jahr 2019 bin ich im Tharandter Wald mit einem alten Mann ins Gespräch gekommen. Er war ein Harzer gewesen. Ein Mann der das Blut der Bäume, das Harz bei Nadelbäumen abzapfte. Ich kannte das aus der DDR und das Gespräch war interessant, doch es ging in der Banalität des Alltags unter. Jüngst war ich am Keulenberg in der Westlausitz und sah die Spuren der Harzgewinnung. Dort entstand auch das Titelbild. Das brachte das verschüttete Gespräch wieder zu Tage.

Die Nutzung von Harz und die Pechgewinnung reichen mindestens bis in das Neolithikum zurück. Der erste Hinweis auf eine staatlich organisierte Nutzung finden wir in den Berichten über den Peloponnesischen Krieg (431-404 v.u.Z.). Seit dem Spätmittelalter sind wir recht gut über die Harznutzung in unserem Raum informiert. Und doch ist die Harzgewinnung wie sie im 20. Jahrhundert erfolgte etwas Besonderes. Sie ist das Ergebnis kriegsbedingten Mangels. Harz für den Schiffbau und andere Zwecke wurde in Deutschland im 19. Jahrhundert entweder aus den Tropen oder Osteuropa eingeführt. Schon damals galt – wie heute – die Gewinnung als zu kostspielig.

Doch ehe wir weiter über das Harzen sprechen möchte ich auf den Unterschied in der Gewinnung/Verarbeitung von Pech/Teer und Harz  eingehen.

Harz enthält ca. 2,2 bis 6,4 % Schmutz, 5,0 bis 8,8 % Wasser, 13,4 bis 18,3 % Terpentin, der Restprozentsatz ist Kolophonium. Das Harz von Kiefer, Lärche und Fichte unterscheidet sich. Wer mehr dazu wissen will dem empfehle ich: Gerhard Stephan „Die Gewinnung des Harzes der Kiefer“

Oder Heinrich Mayr „Das Harz der Nadelbäume“.

 

Harz wird direkt vom lebenden Nadelbaum gewonnen und  bei der Destillation Mit Wasserdampf erhitzt so dass bei ca. 100 Grad Celsius das Terpentinöl austritt und das restliche Harz – nunmehr Kolophonium genannt zurück bleibt.

Bei der Pechgewinnung ist schon der Ausgangsstoff anders. Es werden besonders harzhaltige Teile, vorzugsweise Stockholz, das nach dem Fallen der Kiefern einige Jahre im Boden verblieben war und einen Verkienungsprozess durchgemacht hat, verwendet. Das Holz wird in einem Meiler unter Sauerstoffabschluß erhitzt und so einer Pyrolyse unterzogen. Dabei entsteht Kienöl und Holzteer. Chemisch gesehen ist Kienöl und Terpentinöl nicht dasselbe. Kienöl ist nicht so rein wie Terpentinöl da es Phenole anderer Art enthält. (Ohne das wir jetzt tief in die Chemie einsteigen ist der Unterschied nicht besser zu erläutern, ich weiß man kann chemisch auch sagen Terpentinöl ist auch nur ein Phenole – lassen wir das!).

 

Terpentinöl – da springend ein die Verwendung für Lacke und Farben an, zu seiner wirtschaftlichen Bedeutung muss man nicht mehr sagen.  Kolophonium kennen diejenigen unter uns die mit Streichinstrumenten zu tun hatten. Doch das ist eine marginale Verwendung. Wichtiger ist die Papierindustrie. Der größte Teil des auf der Welt erzeugten Kolophoniums wird in der Papierindustrie als Bestandteil des Papierleims verbraucht. Ungeleimtes Papier besteht aus Fasern mit einer

großen Saugfähigkeit, so dass es zum Beschreiben mit Tinte nicht geeignet ist. Geleimtes

Papier besteht aus Fasern, deren Saugfähigkeit durch einen Leimfilm soweit herabgesetzt

ist, dass eine Beschreibung möglich wird. Wichtiger aber noch ist: ohne Kolophonium ist die Herstellung von synthetischem Kautschuk nicht möglich und das war in den Weltkriegen kriegswichtig.

Mit der 1914 von Großbritannien errichteten Seeblockade und dem Krieg mit Russland war Deutschland von seinen Bezugsquellen von Terpentin und Kolophonium abgeschnitten. Es entsann sich seiner Kiefernwälder als Harzquelle. Die noch in den weiten der österreichischen K. und K. Monarchie (des Doppeladlers wilder Osten) betriebenen Verfahren wurden verbessert und in fast allen Nadelwäldern angewendet. In der Zwischenkriegszeit wurde die Harzgewinnung wieder aufgegeben.

 

Zur Gewinnung wird die Borke abgeschabt und er Baum geritzt. Der Baum reagiert wie bei jeder Verletzung, er fängt an zu harzen, um so die Wunde zu schließen und Bakterien und Pilze den Einfall zu verwehren. Harz wirkt antibakteriell (Eine Wunde mit Harz zu bedecken ist also im Notfall gar keine dumme Idee). Das Harz wird in einem Topf der unterhalb des Risses aufgehangen ist aufgefangen. Um die Harzbildung anzuregen wurde daher in der DDR der Riß mit einer Hefelösung besprüht. In der Regel ritzt man den Baum jede Woche, wobei die Risse untereinander angeordnet werden.

Die Harzgewinnung wurde nur an Bäumen vorgenommen, welche zur Fällung in den nächsten Jahren vorgesehen waren vorgenommen. Treffen wir also noch heute Bäume mit solchen Ritzungen an, so sind das Zeugen der geänderten Waldnutzung nach der gesellschaftlichen wende 1989/1990. Meine Persönliche Erfahrung ist, dass solche Bäume oft instabil sind (auch am Keulenberg habe ich die ersten Stellen nicht fotografiert, sondern mich davon gemacht weil die Bäume teilweise schon angeschoben waren und deutlicher Wind herrschte. Also: wo solche Bäume sind ist nicht sicher biwakieren!

Die Arbeit der Harzer war hart und monoton. Viele sind mit dem einsamen Arbeiten im Wald (in der Regel im Akkord) nicht klargekommen. Alkoholmissbrauch und andere Exzesse sind aus der späten DDR bekannt. Andere haben die Freiheit, draußen allein zu arbeiten genossen und als ihren Weg aus der drückenden Enge beschrieben. Mancher hat über die Woche in „seinem“ ihm zugewiesenen Waldstück gelebt.

Schon zu DDR Zeiten rechnete sich die Harzgewinnung nur weil damit Devisen erwirtschaftet werden konnten und so war sehr schnell mit der Wende Schluß mit der Harzgewinnung.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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