Waldsterben 2.0 oder ein Plädoyer für die Erweiterung des Naturschutzbegriffes

Birkenwald von Aleksandr Grigorev – Danke für die Genehmigung zur Nutzung. Das Bild kann über KunstNet erworben werden

Anlass dieses Beitrages ist die Berichterstattung zum Thema Waldsterben 2.0 und der daran verwendete Naturschutzbegriff.

Vorab und um Missverständnissen vorzubeugen wenn ich nachfolgend von „Natur“ spreche meine ich die Gesamtheit der Tiere und Pflanzen die nicht oder nur wenig vom Menschen beeinflusst sind. Die also in der Ihnen ihrer eigentümlichen Art und Weise existieren. Das sie nicht gänzlich unberührt von Menschlichen Einwirkungen sind versteht sich in D von selbst. Es gibt bei uns eigentlich nur Kulturlandschaft, „natürliche“, urwüchsige Natur ist bei uns nicht zu finden. Davon abzugrenzen sind die Gewässer und Gesteine als Teil der Erdoberfläche in gewissen Sinne geht es im Nachfolgenden auch um sie. Ich hatte aber eher die Pflanzen und teilweise Tierwelt vor den Augen.

Natur ist nicht ein statisches, die Natur ist ein dynamisches System das sich stetig zu optimieren sucht, mithin sich also verändert.

In der Natur sterben Dinge um so Platz für neues zu machen. Pflanzenwelt verändert sich nicht nur durch Mutation (also Evolution) sondern auch durch Einwanderung. Die Neophyten sind nichts unnatürliches sondern im Gegenteil zutiefst natürlich! Denn schon immer wanderten Pflanzen, Pilze und Tiere ein. Z.B.  die Eiche und Buche nach dem Ende der ersten Eiszeit in die Kiefern- und Birkenwälder (die Dominanz der Kiefer in Brandenburg ist natürlich, da dort die Eichen und Buchen nicht wieder in vollem Umfang Fuß fassen konnten. Die jetzige Kiefern-Monokultur ist dagegen menschgemacht.) Das war so, ist so und wird immer so sein. Eingewanderte Pilze rotteten die Ulme fast aus bzw. tun das jetzt gerade mit der Esche. Doch auch Umweltfaktoren rotten Pflanzen aus. Z.B. Kälte  der vergleichsweise (z.B. zu Nordamerika und Ostasien) artenarme mitteleuropäische Wald ist ein Ergebnis der in Europa schlechteren Überdauerungsbedingungen während der letzten Eiszeit. –  Übrigens einige aus Nordamerika eingewanderte, als Neophyten geschmähte Pflanzen lassen sich in den Kohleschichten des Tertiär und Quartär nachweisen. Sie sind also nur wieder eingewandert, nachdem sie die Eiszeit nicht überlebt haben. Die Natur ist ein robustes System das mit Vernichtung umzugehen weiß und aus der Vernichtung neues erschafft. (Das heißt jetzt nicht das man sie beliebig mißhandeln darf!) Wer erlebt hat wie schnell die Natur Ruderalflächen zurück erobert versteht was ich meine.

Die Natur reagiert auf Umweltbedingungen, z.B. Wasser, Wind, Sonne, Nährstoffangebot. Siehe den schon angesprochenen Beispielen aus der eiszeit.

Naturschutz ist dagegen statisch er versucht den Status Quo zu wahren. Wir erleben im Augenblick das Sterben einiger Baumarten auf Grund von Klimawandel. Z.B. stirbt die Höhenkiefer in den höheren Lagen der Mittelgebirge. Wir Menschen können jetzt warten welche Arten ihr nachfolgen, wenn das System wirklich naturbelassen wäre, sicherlich der richtige Weg, doch wir leben in einer Kulturlandschaft! Und da wirken natürliche Mechanismen nur noch beschränkt. Der Eingriff des Menschen ist sinnvoll. Z.B. in dem er die Schwarzkiefer an den Plätzen der Höhenkiefer pflanzt. Genau dort stößt der bewahrende Naturschutz an seine Grenzen. Beispielhaft ist der Konflikt um diese Nachpflanzungen im Schwarzwald. Dort blockiert die Naturschutzbehörde die Nachpflanzung mit Schwarzkiefer mit dem Verweis es sei keine heimische Art. Das die Schwarzkiefer an den Südabhängen der Alpen die Eiszeit überlebt hat (sich nur nicht wieder nach Norden verbreitet hat, das vorangegangene Tertiär war wärmer) wird geflissentlich ignoriert.

Halten wir fest: den sterbenden Bäumen folgen neue, andere Arten eben,wäre es da nicht angebracht nicht vom Waldsterben sondern vom Baumsterben zu sprechen?

Meiner Meinung nach, dürfen wir Naturschutz nicht als das Bewahren eines konkreten Zustandes verstehen, sondern müssen den Begriff weiter fassen. Er muß den Wald als möglichst intaktes, sich aber veränderndes Ökosystem verstehen. Anpassende Eingriffe sind legitim. Naturschutz dient nicht dem Selbstzweck (ich bin manchmal versucht zu fragen wann und wo dem Gott namens Natur nun bald ein Altar errichtet wird!). Sondern er dient dem Erhalt als Wirtschaftsgrundlage, als Erholungsgrundlage und in der Erkenntnis das der Wald für uns Menschen eine lebenswichtige Funktion erfüllt (Sauerstoffproduzent) dem Erhalt der Grundlage des Lebens von uns Menschen überhaupt. In ihm etwas reines, dass so für immer bewahrt werden muss wird seiner Komplexität nicht gerecht.

Zum  Abschluß ein Wort zum Stand der wissenschaftlichen Erforschung. In der Klimadebatte haben wir uns ja daran gewöhnt, das auch wenn man nicht einmal alle zusammenspielende Teile kennt, die Akteure ganz genau wissen was so und so richtig ist. Der Forschungsstand zum Wald ist deutlich besser als zum Klima. 300 Jahre wissenschaftliche Forstwirtschaft zahlen sich aus. Trotzdem entdecken wir noch immer Tatsachen welche uns zeigen, dass wir den Wald noch nicht völlig kennen. Ehe ich versuche eine (aus meiner Sicht faszinierende) Entdeckung zur Kommunikation der Pflanzen untereinander selbst zu erklären, verlinke ich ein Video von jemanden der das besser erklären kann – und kritisch ist – als ich.

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https://www.youtube.com/watch?v=_XQrnHNb8LI

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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