Wildernde Katzen

Mit freundlicher Genehmigung von Natalie Derevyanko

Als 2015 in NRW das Jagdgesetz geändert wurde und der Abschuss von wildernde Hauskatzen (eine Hauskatze ist wildernd wenn sie im Jagdbezirk – je nach Bundesland-  zwischen 150 und 500 Meter von einem Haus entfernt angetroffen wird) verboten wurde habe ich mich mächtig darüber aufgeregt. Wildernde Katzen gefährden das Niederwild. Logisch! Bekannt! Wie kann man nur! Das war die erste Aufregung. Dann kam das Nachdenken, klar die Jagd Literatur sieht es so, aber was habe ich an Basisfakten?

Ich habe seitdem das Thema im Auge behalten. Das Problem ist diffiziller als ich dachte.

Doch gehen wir es der Reihe nach an. Es müssen Schlaglichter undverhaftet im Erkenntnisstand heute Abend bleiben.

Wie stark beinträchtigen wildernde Katzen die Natur? 

Nach dem Smithsonian Conservation Biology Institute tötet ein Freigänger (das ist jede Katze die das Grundstück des Halters mit oder ohne seinem Wollen verlässt) 30 bis 47 Vögel und 177 bis 299 Kleinsäuger. Bei einer geschätzten Anzahl von 11 Mio Freigängern (die Zahl findet sich verschiedentlich auf Webseiten/Publikationen von Katzenliebhaberwebseiten – die Basisquelle kenne ich nicht) davon 2-4 Mio verwilderte Katzen von in Deutschland (2 Mio lt. Deutschen Tierschutzbund / 4 Mio laut Deutscher Jagd Verband) ergibt das eine ordentliche Millionenzahl an getöteten Tieren in Deutschland selbst wenn nicht jeder Freigänger in dem Sinne wildert das er Tiere fängt.

Gerade die verwilderte Katzen müssen ihre Nahrung selbst erjagen und sind daher auf jeden Fall problematisch. Doch auch die anderen Freigänger töten eine nicht unerheblich Anzahl Tiere. Das kann man den Katzen auch nicht abgewöhnen – sie sind Raubtiere.

Doch ist das problematisch?  

Prof. Dr. Hackländer von der Universität für Bodenkunde in Wien hat den Einfluss von Hauskatzen auf die heimische Tierwelt untersucht ( bei https://www.researchgate.net kostenpflichtig einsehbar) und belegt das eine Reduzierung der Artenvielfalt und eine deutliche quantitative Verringerung von Singvögeln durch Katzen. Wie der – in dieser Frage von den Medien gern herangezogene – NABU Experte Lars Lachmann darauf kommt das man im Siedlungsgebieten eher eine Zu- als eine Abnahme von Singvögeln hat und wildernden Katzen keine Rolle spielen ist unklar. Eine Anfrage zu seiner Erkenntnisbasis blieb von ihm unbeantwortet. Neben einer unsauberen Quellenbasis halte ich auch das vermehrte und gezielte Fördern von Singvögeln für möglich. So z.B. wenn der Specht Löcher ins Styropor der Wärmedämmung eines Hauses hackt, ist eine gängige Auflage der Naturschutzbehörde für jedes verschlossene Loch zwei Nisthilfen woanders anzubringen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Land und Stadt?

Ich habe leider keine einigermaßen validen Daten gefunden wieviel Katzen der Stadt und damit dem befriedeten Bereich (=Jagdverbot) zuzuordnen sind und wieviele dem ländlichen Raum. Auch keine Studie zum Jagdverhalten unter Berücksichtigung dieses Unterschiedes. Daher muss diese Frage offen bleiben.

 

Ist zwangsläufig jeder Freigänger „wildernd“?

Das Revier von Katzen variiert erheblich. Es reicht von wenigen dutzend Metern um das Wohnhaus bis zu mehreren Kilometern. D.h. nur die größeren Reviere beanspruchenden Katzen kommen in Betracht als „wildernd“ angetroffen und geschossen zu werden.

 „Die moderne Landwirtschaft schadet der Natur mehr als die Katzen!“ Stimmt das?

Vermutlich Nein. Eine Studie von der Freien Universität Berlin (D. Mühlmeier 1993 – https://www.researchgate.net kostenpflichtig einsehbar) über beziffert die Verluste an Vögeln durch Landwirtschaft mit 500.000 bis 1.000.000 Exemplare (wobei die Quelle nicht benannt wird) pro Jahr.Stimmt diese Zahl ist nicht die moderne Landwirtschaft verantwortliche für das Vogelsterben sondern andere Faktoren, Windkraftanlagen oder z.B. eben wildernde Katzen.

Trotzdem versuchen die Umweltverbände den Abschuss wildernde Katzen zu verhindern. Bezeichnend ist die Behauptung des Nabu das die Freigänger ja nur im Siedlungsbereich unterwegs wären (wieder Lachmann) also im befriedeten Bereich (=Jagdverbot). Das kann man wohl nur mit den Stubentigern der Spenderinnen erklären.

Wobei ich mich nicht ganz mit der Studie der FU wohlfühle. Ich kann an Hand der Studie (die sich eigentlich um etwas anderes dreht) nicht die Zahlen herleiten.

Ist alles zu dem Thema gesagt?

Es gibt relativ wenig Forschung (oder zugängliche Forschung?) zu diesem Themenkomplex. So habe ich zu der Studie von der FU Berlin keine gefunden, die sich kritisch mit dieser auseinandersetzt. Schon allein wegen der nicht mit einer Quelle hinterlegten Zahl wäre mir eine bessere Quelle lieber gewesen….

Was aber an all dem Vorgetragenen ist diffizil? Nun wenig… Das Diffizile fängt jetzt an…

Das Problem fängt bei der Unterscheidung Wildkatze verwilderte Hauskatze an. Eine Bastardisierung (also die  Entstehung von Nachkommen mit genetisch verschiedenen Eltern) ist nachgewiesen. Wildkatze und Hauskatze paaren sich untereinander. Doch ist das wirklich eine Bastardisierung?  Denn molukulargenetisch sind diese beiden nicht unterscheidbar. Und schon die erste wissenschaftlichen Beschreibung durch Johannes Christian Schreber 1777 betont die Verwechselbarkeit. Auch die Berichte von Verwechslungen von Wildkatze und Hauskatze selbst durch Jäger sprechen dafür, das die verbreiteten Karten zur sicheren Ansprache von Wildkatze nur bedingt verwendbar sind. Ist unsere „Wildkatze“ vielleicht doch nur eine verwilderte Hauskatze? Ich habe leider keine Studie gefunden welche die Geschichte von Haus- und Wildkatze anhand von archäologischen Funden nachvollzieht. Beide stammen aber von der Falbkatze ab. Und es werden immer Katzen verwildert sein, durch unsere ganze Kulturgeschichte hindurch, man denke nur an die ausgemordeten Dörfer im Dreißigjährigen Krieg. Ich ketzere: Gibt es überhaupt noch „reinrassige“ Wildkatzen? Ein mir bekannter Jäger berichtete das er nur nach dem Verhalten anspricht. Ist das Verhalten sehr scheu = Wildkatze, erscheint das Verhalten menschgewohnt = wildernde Hauskatze.

Abschließend kann ich aus dem Buch von Wolfgang Zeiske „Das große Buch vom Wald“ die Geschichten: “Maikatzen“, „Der graue Räuber“ und „Des grauen Räubers Ende“ empfehlen. Er vollzieht darin den Weg einer Katze die zum Wilderer wird nach. Wolfgang Zeiske war ein Naturfreund, der die Büchse an den Nagel gehängt hat und sich ganz der Hege und Beobachtung verschrieben hat. Ich halte seine Bücher für zu dem besten gehörend  was man an Natur- und Jagderzählungen bekommen kann.

Autor: Angtarion

"Si hortum in bybliotheca habes, deerit nihil" Marcus Tullius Cicero

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